Pennabilli und der Dichter Tonino Guerra

Pennabilli In Pennabilli, im Herzen der Val Marecchia, hat der romagnolische Poet Tonino Guerra, ein Freund Fellinis eine neue Bedeutung der Existenz gefunden. Pennabilli war das Himmalaya meiner Kindheit. Es war ein Mythos. Als ich Kind war, sind meine Eltern hierher gezogen um Obst zu verkaufen. Pennabilli ist nicht weit von Santarcangelo di Romagna entfernt. Sie haben mich mitgenommen, weil die Luft hier gesund ist.

Aus welchem Grund ich zurück gekommen bin? Es ist eine Art verlorenes und wieder gefundenes Paradies. Seit Jahren will ich mich absetzen um irgendwo anders als bisher zu leben. Ich habe auch an die großen Metropolen gedacht. Und dann bin ich eines Tage über eine kleine Brücke des Presale (ein Zufluss des Marecchia) gegangen und habe die Blätter eines Gartens zertreten? und so bin ich hier gelandet. Ich war siebzig, ich hatte Lust über meine Angelegenheiten nachzudenken - die Kunst, die Natur, die Poesie - und habe mir überlegt nach Pennabilli umzuziehen. Um zu beginnen und wieder zu beginnen.

Die Valmarecchia, in der Pennabilli entspringt, ist wunderbar. Aber die Landschaft die zuerst gerettet werden muss ist der Mensch, der Mensch mit seinem verschmutzten Geist, der nicht merkt, wie er eine antike Welt zerstört, der Mensch der Gifte in die Gewässer der Flüsse gießt; der Mensch der jahrhundertealte Bäume fällt und glaubt der Herr über alles zu sein. Wenn er seine Mentalität nicht ändert, wird er alles zerstören. Die Schönheit der Natur und die schönen mittelalterlichen Dörfer von Montfeltro. Wir müssen den Menschen mitteilen ,dass die Landschaft allen gehört und geschützt werden muss. Keine Fensterläden und Türen aus Aluminium mehr. Alle alten Mauerwerke unserer Dörfer waren aus Stein oder Felsbrocken. Warum also müssen wir sie weiß verputzen und schlecht anstreichen und so dem Hügel seinen wilden Anblick nehmen?

Es besteht kein Zweifel, dass die Desaster des Hinterlandes weniger schlimm sind als die anderer Gegenden der Küste. Es besteht auch kein Zweifel, dass die Menschen dieser Gegend anders sind und dass es hier ein anderes Zeitempfinden, fast eine Bewegungsträgheit gibt, die einem auf dem ersten Blick auffällt. Wir müssen sie wiederentdecken und bekannt machen. Das ungefähr ist die Aufgabe der “Freunde der Val Marecchia”.

Wir möchten dem Tal etwas geben, das die Landschaft nicht stört und nicht mit der Vergangenheit, mit dem Geschmack, den Düften und den Pflanzen, die es einmal gab interferiert. So haben wir den Garten der vergessenen Früchte geschaffen, ein kleines Museum, das allen Obstpflanzen gewidmet ist, deren Namen wir vergessen haben: der Limoncello-Apfelbaum, der Quittenbaum, der Susinen -Biricoccolo- Baum (ein natürlicher Hybrid aus Susinen und Aprikosen), der grüne Feigenbaum, der Schattenmorellenbaum, die Brustbeere und viele andere. Dann gibt es auch noch das “Santuario dei Pensieri”. Einen Ort für die Meditation, an dem sieben geheimnisvolle Steine warten und den schönen und weniger schönen Worten zuhören.

Im alten Viertel von Pennabilli, kann der Besucher die antike Magie der Meridiane, die Mario Arnaldi gemalt hat, entdecken. Giovanni Paltrinieri hat sie orientiert: ihr Schatten zeigt die Uhrzeit im Tal an. Aber wir haben sehr viele Dinge gemacht und wollen noch viele Dinge tun. Z.B. den Nationalen Antiquitätenmarkt, der im Juli zu Gast bei uns ist.

Wer diese Gegend besucht, tritt in ein außergewöhnliches Universum ein, das Dante und Giotto, Buonconte, Montefeltro und Ezra Pound, der nach Pennabilli gekommen ist, um die “Wiege” der Malatesta, die genau hier ihren Ursprung haben, zu sehen. Mit einem Wort: von diesem Ort kämpfe ich, um die Stimme der Kindheit der Welt, der antiken Menschen hören zu lassen, wenn der Lehm des Flusses Marecchia trocknet, und die Sonne ihn bricht und weiß werden lässt. Diese außergewöhnliche poetische Realität befindet sich zur Hälfte außerhalb von mir, zur Hälfte in mir.



“Ich bin in Santarcangelo di Romagna geboren. Ich habe meine Kindhit auf der Straße, im Gebüsch und mit den kleinen Vögeln verbracht. Ich war ein großer Eidechsenjäger, dafür schäme ich mich heute sehr. Ich habe in meiner Heimatstadt Forlimpopoli und in Urbino, wo es ausgezeichnete Professoren gab, studiert. Meine Mutter war Analphabetin. Ich habe ihr Lesen und Schreiben beigebracht. In der Hütte am Fluß “Uso”, als wir evakuiert wurden, habe ich ihr Testament gelesen.

So stand es auf dem Papier, das sie im Etui ihrer Brille versteckt hielt: Ich hinterlasse mein Hab und Gut meinem Mann/ damit er damit mache, was er wolle/ Carabini Penelope”. Zu jener Zeit besaß meine Mutter Blumenvasen. Nach ein Paar Tagen hat mich mein Vater, der ein großer Tierliebhaber war, nach Santarcangelo geschickt, um der Katze, die wir in Via Verdi hinterlassen mussten, Futter zu bringen.

So wurde ich nach Deutschland deportiert. In der Gefangenschaft habe ich begonnen Poesien im Dialekt zu schreiben. So leistete ich einigen romagnolischen Bauern, die mit mir im Konzentrationslager in Troisdorf waren, Gesellschaft. Eines morgens, im August 1945 bin ich am Bahnhof angekommen. Es war ein Sonntag, und alle glaubten ich sei gestorben. Um meine Eltern nicht zu erschrecken, brauchte ich einen Tag für den Kilometer, der den Bahnhof von meinem Zuhause trennte. Ich setzt mich an das Flussufer und schickte jemanden nach Hause um anzukündigen, dass es in Oberitalien noch Gefangene gäbe, die sich auf dem Nachhauseweg befänden.

Am Nachmittag entschied ich mich, nach Hause zu gehen. Mein Vater erwartete mich an der Türschwelle. Wir haben uns weder umarmt, noch einen Händedruck gegeben; nur kleine Zeichen. Ich bleibe vier Meter vor ihm stehen um ihn nicht in Verlegenheit zu bringen. Er drückt seine Zigarre aus und fragt: “Hast Du gegessen?”. “Sehr viel”, antworte ich. Dann geht er beflissen weiter ins Dorf, ohne sich auch nur einmal umzudrehen. Als ich später mit der Verwandtschaft und den Dorfbewohnern, die zu Besuch gekommen waren im Wohnzimmer saß, sah ich einen Mann mit einem kleinen Koffer in der Hand. “Suchen Sie Jemanden?”, frage ich ihn. “Ich bin der Herrenfriseur, Ihr Vater hat mich beauftragt, sie zu rasieren”. Ich berühre mich mit den Händen und stelle fest, dass ich einen Zweitagesbart hatte”.

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