Der Zweite Weltkrieg in der Emilia Romagna

Der
Die Befreiung von Rimini am 20. September 1944 war das Zeichen des Zerfalls des Adriatischen Sektors der deutschen Verteidigung. Aber eine fürchterliche Zeit musste noch verstreichen, bevor es zur entgültigen, nazistischen Niederlage kommen sollte. Es war ein langer und kalter Winter, vor 50 Jahren, in dem Italien in Stücke zerbrach, sein Schicksal am Faden von Hunger und Läusen hing, in einer Hölle ungezähmter Grausamkeiten und namenloser Leiden. Es war der letzte Winter des zweiten Weltkonfliktes, eine dramatische Jahreszeit: in der medianen Region des schmalen Körper des Landes, zwischen dem Adriatischen und dem Tyrrhenischen Meer, treffen die Soldaten dutzender verschiedener Nationalitäten aufeinander. Die Italiener sind in entgegengesetzte Parteien aufgeteilt, bewaffnet und in einem parallelen Krieg antiker Grausamkeiten verpflichtet.

Die Erschütterung Italiens war so groß und von der Vergangenheit belastet, dass es sich dank seiner Geografie in perverser Weise entlang der Apenninen, als Spielball des Krieges anbot. So entstand eine Art neuer Stutzpunkt aus Steinen, Erde, Baumstämmen, Wasser und Eisen, den alle, Saldaten in Uniform, Zivilbevölkerung und Schattensoldaten die “gotische Linie” zu nennen lernten. Es war die Front und zugleich Gelenk, in bewegten Zügen eines Bollwerks, aber auch elastische und genügend tiefe Militärzone in der der Krieg versumpfte und bis zum Frühjahr 1945 kein Ende fand.

Und mit dieser Linie muss man beginnen, um sich zu erinnern und nach einem halben Jahrhundert zu verstehen. Vor allem wer hat den Namen erfunden? Es gibt Autoren, die der Meinung sind es sei Hitler selbst gewesen der den Namen erfunden hätte, um an den Krieg zwischen den Goten und den Byzantinern im V und VI Jahrhundert zu erinnern. Aber die Deutschen hatten bis zu diesem Zeitpunkt im Italienfeldzug für die Verteidigungslinien und Verstärkungen Eigennamen gebraucht: Gustav, von Ortona bis Gaeta; Caesar, ein Verteidigungshalbkreis im Osten Roms; Albert, von Ancona bis Grosseto. Manche glauben also, es sei Winston Churchill gewesen, der die antike Bezugnahme auf den gotischen Krieg erfunden hatte.

Aber wem auch immer der Name eingefallen war, es ist gewiss, dass die Deutschen sehr auf die gotische Linie vertrauten, um mit meisterhaften Verteidigungs- und Angriffsmanövern, auf der Halbinsel soviel alliierte Soldaten wie möglich zu stationieren. Als Rom am 4. Juni 1944, zwei Tage vor der Landung der Alliierten in der Normandie, befreit wird, ist Italien bereits zweigeteilt.

Das Südreich, das unter angloamerikanischer Kontrolle steht, wird vom Waffenstillstand und der widerstandslosen Aufgabe “eingeengt”. Ein leidendes, zerlumptes und zerrüttetes Italien, das die Korruption und die Aufgabe der Besiegten kennen lernt: es zeigt seine menschliche und ausdauernde Vitalität, indem es sich den Etappen des Stärksten Heeres anpasst, das jemals auf der Halbinsel gelandet ist. Es ist das Italien der “Signorine” (Fräulein) und der “sciuscià” (Schuhputzer), des Schwarzmarktes und der Machenschaften, die es erlauben, alles zu kaufen und zu verkaufen. Aber in den Zonen, die noch von den Deutschen besetzt und nicht befreit sind, zeichnet sich bereits der Widerstand ab, der Wille einer Elite- sowohl sozial als auch politisch gesehen- um den Deutschen und den Faschisten zuzusetzen. Die Letzteren, nach den ersten Schlag, den sie am 25. Juli 1943 einstecken mussten, versuchen sich erneut zusammenzuschließen.

Auf der anderen Seite, im Norden, entsteht die soziale italienische Republik, ein neuer Staat mit begrenzter Souveränität. Es entsteht die tragische Illusion des republikanischen Faschismus, der die Schuld der letzten zwanzig Jahre mit sozialisierender Rückkehr zu seinem Ursprung reparieren will. Auch hier gibt es Soldaten, die die Schande des 8. Septembers wieder gutmachen wollen, indem sie dem Alliierten des 10. Juni 1940 treu bleiben. Auch die Regierung der Sozialen Republik Italiens, deren Mitteilungen vom Postbüros in Salò veröffentlicht werden, versucht ein neues Militär zu organisieren. Ihre militärischen Einberufungen erhöhen die Anzahl der Deserteure, von denen sich viele dem Widerstand anschließen.

Für den Krieg mobilisieren sich zwei italienische Minderheiten: die Partisanen und die “repubblicchini” (Anhänger der Republik). Die Ersten kämpfen für Freiheit und Demokratie -oder für eine stärkere soziale Gerechtigkeit- und sie werden gewinnen. Ihre Gegner verlieren im Gegenwind der Geschichte: sie bemühen sich, manchmal gutgläubig und mit tragischer Determination, aber gleichzeitig verlieren sie den Anklang bei der bürgerlichen Bevölkerung. Ihnen wird bewusst, dass sie nicht gewinnen können.

Nach der Befreiung Roms ruht sich die komplexe Maschinerie der Alliierten erst einmal aus, zu lange, anstatt die Gunst der Stunde auszunutzen. Aber die Italienkampagne geht weiter: auch wenn man Wien nicht erreicht (wie Churchill es gerne gesehen hätte), gibt man sich damit zufrieden, den Deutschen die Poebene und ihre Industrie entzogen zu haben. Nur ein Kompromiss. Folglich gelingt es den Amerikanern (fünfte Armee unter der Führung von Mark Clark) und den Engländern (Achte Armee unter General Oliver Leese) verschiedene Korps mit Soldaten aus zirka zwanzig Ländern zusammenzustellen, und weiteren Druck in Richtung Norden auszuüben.

Der deutsche Kommandeur Kesserling ist 1944 für die Verteidigung in der Poebene verantwortlich. Er gibt der Nachhut seiner Armeen die Anordnung, die Alliierten so lange wie möglich auf der Linie Albert festzuhalten, und lässt die Linea Gotica vorbereiten, an der am 21. August, wenige Tage zuvor war Florenz befeit worden, die letzten deutschen Truppen eintreffen. Die gotische Linie entwickelt sich entlang der tyrrhenischen Küste, unterhalb von La Spezia, und etwas nördlich von Massa durchtrennt sie die Apenninen mit kurvenartigem Verlauf. Sie berührt den “Passo della Futa” und den “Passo del Gioco”, neigt sich in Richtung Süden etwas oberhalb von Florenz, um dann Arezzo und letztendlich Pesaro am Adriatischen Meer zu erreichen.

Nur auf den letzten 80 Kilometern zwischen den Apenninen und dem Adriatischen Meer führt die Linie über flache Landschaft. Der Rest verläuft vollkommen über Bergland. Ein Hügel nach dem anderen bietet den deutschen die Möglichkeit zu einem gut funktionierenden Kommunikationssystem. Die Befestigungen unterstreichen die Natur des Geländes, das hervorragend zur Verteidigung geeignet ist. 2500 aufgestellte Maschinengewehre, 500 Geschütze, und 30 Panzertürme auf Stahl- und Zementsockeln, außerdem Laufgräben und Unterbringungen.



Es ist eine einfallsreiche aber keineswegs imposante Befestigung. Es war nicht viel Zeit für ihren Aufbau geblieben: Während des monatelangen Kriegs werden auch die Bauernhäuser, Ställe, Heuschober, Löcher und Gräben genutzt. Im adriatischen Teil ändert sich die Landschaft. Es gibt keine anstrengenden Hügel mehr, sondern wasserreiches Flachland. Während des ersten Regenschauer bildet sich der “gelartigste Schlamm der Welt”, wie ein Militärexperte es ausgedrückt hat. Um dieses Verteidigungssystem anzugreifen hat sich die achte Armee auf dem adriatischen Hang verteilt, während die Fünfte auf dem Tyrrhenischen bereit liegt. Die Alliierten sind eindeutig in der Überzahl: die englische Infanterie steht 3.5 gegen 1 Deutschen, die Amerikaner sind 5 zu 1 Deutschen. Um Mitternacht in der Nacht vom 25. auf den 26. August 1944 beginnt der Angriff im adriatischen Sektor. Auch die polnische Armee nimmt teil. Es beginnt mit den potenten Geschützen, ständigem Feuer der 1000 Kanonen, nach einer Stunde erfolgt dann der Angriff der Infanterie und der Panzer.

Die Überraschung gelingt. Deutsche Abteilungen werden vor den Befestigungen angetroffen, aber bald ziehen sie sich zurück und unterbrechen den Angriff. Die Wucht der Alliierten wird gebremst. Kämpfe verlaufen nie wie man sie geplant hat. Die Koordinierung zwischen den Panzern und der Infanterie funktioniert nicht, die gerüsteten Abteilungen erleiden schwere Verluste und der Angriff endet zwischen den Flüssen Metauro und Foglio. In der Umgebung von Coriano wird tagelang gekämpft, viele Soldaten sterben. Hinter den Hügeln von Coriano befinden sich Rimini und die Straße nach Bologna.
Die fünfte Armee erreicht in jenen Tagen die “Passo di Futa” und den “Passo di Gioco”. Es wird ein sehr harter Kampf. Große Verluste erleidet man auf dem Monte Altuzzo, Monte Verruca, Monte Calvi und der Coma Signorini auf einer Höhe von 918. Nicht alle deutschen Abteilungen kämpfen mit der gleichen Kraft. Auch die Wehrmacht schickt zusammen gesuchte Truppen, von denen einige geringen Kampfgeist zeigen. Soldaten litauischen, mongolischen und asiatisch-muselmanischen Ursprungs nehmen teil

Die Italiener verfügen über zwei Aufstellungen. Die Militärs der italienischen Sozialistischen Republik und die Soldaten des Cil, des Italienischen Befreiungskorps werden zu Kampfgruppen organisiert, und von Engländern bewaffnet und ausgerüstet. Aber nicht nur die Soldaten lassen ihr Leben im Kampf. Auch die zivile Bevölkerung, auf der Flucht vor den Bombenangriffen werden in den Dörfern überrascht, die Geiseln, Opfer der deutschen Repressalien, die Bauern deren Tennen, Scheunen und armselige Häuser  einmal den Partisanen, dann wieder den passierenden Angreifern als Unterschlupf dienen.



Der Angriff der Alliierten bleibt im Sand stecken, geht von Neuem los und bleibt wieder stecken. Rimini wird am 20. September befreit. Als erste betreten es die kanadische Infanterie und die griechischen Bergtruppen, die von den englischen Panzertruppen unterstützt werden. Weiter Dörfer werden im Inneren befreit, aber in manchen Dörfern, wie z.B. in Marradi wird die Freude von der Angst gebremst: Die Bewohner verstecken sofort ihre Frauen, als sie erfahren, dass Indische Abteilungen im Anmarsch sind: Sie haben die Angewohnheit nach dem Sieg zu plündern und zu vergewaltigen.

Auch die Resistenz nahm an den Zusammenstößen teil. Die stärksten Kämpfe fanden zwischen Modena und der Adria statt. Die Partisanen griffen in der Umgebung von Forlì und im Landkreis Bologna mit bedeutenden Aktionen an. Sie schlugen sich, nicht immer aber oft genug mit Erfolg, in Monte Pianaccio, in Monte Battaglia, in Cà Guzzo und anderen unzählbaren Örtlichkeiten, die von den Geschichtsforschern nicht in Erfahrung gebracht werden konnten.

Es würde zu weit führen, die einzelnen Kämpfe entlang der gotischen Linie zu beschreiben. Den alliierten Kräften gelang es, sie in mehreren Punkten zu brechen, haben sie aber nie wirklich durchbrochen. Als der Angriff am 25. August endete, lag Bologna nur wenig mehr als 20 Kilometer entfernt.
Ehrlich gesagt waren auch die Deutschen erschöpft, aber die Alliierten haben zuerst aufgehört zu schießen.

Die gotische Linie hatte gewonnen. Währen der zwei Monaten Kampf waren mehr als siebzehntausend amerikanische Soldaten, ebenso viele Engländer, zehntausende Deutsche, tausende Italiener - Zivile, Soldaten und Partisanen- und unzählige Soldaten aus mindestens dreißig Nationen gefallen.

Um die Leiden der zivilen Bevölkerung zu verstehen, genügt die Erinnerung an die rote Linie der Massaker, die die SS unter Major Walter Reder während ihres Durchmarsches durch die Toskana und Emilia hinterlassen haben, als sie im September und August 1944 einen teuflischen und terroristischen Plan durchführten. In Sant'Anna di Stazzema, in den Bergen von Lucca, wurden 560 zivile Bewohner massakriert; am19. August 107 Dorfbewohner gemetzelt und am 24. August in San Terenzio 53 Menschen erhängt. Dann gibt es noch die Massaker von Frigido, Bergiola vom 29. September bis zum 1. Oktober und das Martyrium von Marzabotto. 1850 Menschen, die mit unglaublicher Grausamkeit ermordet wurden. Es waren diese Methoden, deren sich die nazistischen Einheiten bedienten, um die Sicherheit der Wehrmacht zu garantieren.

Der Winter, ein zäher Feind aller Kämpfe, brachte in die Gotische Linie, die sich unter den Angriffen geändert und teilweise unterbrochen hatte, weder Ruhe noch Frieden. Im Dezember gelang es den Alliierten Ravenna zu befreien. Die Wehrmacht führte vor Jahresende einen Angriff durch. In den selben Tagen, in denen man in den Ardennen die letzte Kraft für ein letztes, verzweifeltes und strategisches Wagnis aufbrachte, gingen von der Gotischen Linie neue Angriffe aus. Deutsche und “Republikinische” Abteilungen zogen von der Garfagnana in Richtung Lucca und Arno los. Weitere Aktionen wurden um Parma, Piacenza, Reggio Emilia und Modena organisiert. Aktionen gegen die Alliierten und Durchsuchungen entlang des Tals um Partisanengruppen auffliegen zu lassen oder in die Flucht zu schlagen.

Es gab wieder Blutvergießen, Trauer und Verschwendung von Menschenleben, die sich die Gotische Linie genommen hatte. Und in den kalten Monaten, die folgten gab es zwar keine großen Kämpfe aber der Krieg ging weiter. Wenn die Heere inaktiv blieben, bewegten sich die Partisanen trotz der eisigen Kälte, die einer Guerriglia kaum zuträglich war. Im März 1945, die Front hatte sich mit unterbrochenen und unregelmäßigen Linien zwischen Massa, entlang der tyrrhenischen Küste und den Tälern von Comacchio an der Adria stabilisiert. Der Frühling wurde von 600.00 alliierten Soldaten (unter ihnen befanden sich die italienischen Kampftruppen der Cil ) und 60.00 Partisanen hinter den deutschen Linien und “Republikinischen” Präsidien, kampfbereit empfangen.



Die italienische Front war für die Siegermächte noch bedeutungsloser als schon im Jahr zuvor. Die Deutschen begannen aufzugeben und dachten an den Rückzug oder Nachhauseweg. Aber die Alliierten mussten den Käfig der Apenninen verlassen und so viele Deutsche wie nur möglich fangen und entwaffnen, und mindesten bis nach Triest gelangen. Triest war Grenzstadt und vom neuen Krieg, dem kalten Krieg, der sich bereits ankündigte, geplagt. Man musste den Resten der Gotischen Linie den Rücken zuwenden. Sie ist im April der Befreiung schnell auseinander gefallen, so als wäre plötzlich ihre schreckliche Aufgabe überflüssig geworden.

Heute ist die Gotische Linie nicht mehr sichtbar, denn Wochenendhäuser haben den Ort der Maschinengewehre und Geschütze eingenommen. Aber es wäre ungerecht und schädlich sie zu vergessen: ohne Hass, ohne Narben und verspäteter Wut, man muss die Orte unserer Leiden, unserer Tugenden und Schwächen immer in Erinnerung behalten.

Wir empfehlen Ihnen unsere besten Einrichtungen

Alle Hotels